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Internationale Kooperationen

Strategische Ankerpunkte der UA Ruhr in Lateinamerika

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Portrait von zwei Menschen. © UDE​/​eventfotograf.in
Im Interview: Prof. Dr. Matthias Epple, Wissenschaftlicher Direktor des Verbindungsbüros Lateinamerika der Universitätsallianz Ruhr und Prof. Dr. Karen Shire, Prorektorin für Universitätskultur, Diversität und Internationales an der Universität Duisburg-Essen.
Das Verbindungsbüro für Lateinamerika wurde Anfang 2025 von den drei UA Ruhr-Universitäten eingerichtet. Es ist angesiedelt im DWIH São Paulo. Nach der initialien Aufbauphase geben Prof. Dr. Matthias Epple, wissenschaflicher Direktor des Verbindungsbüros, und Prof. Dr. Karen Shire, Prorektorin für Universitätskultur, Diversität und Internationales an der Universität Duisburg-Essen, im Interview mit Astrid Bergmeister (Pressesprecherin der UDE) einen Überblick über wichtige strategische Verbindungen und einen Ausblick in die Zukunft.

[Astrid Bergmeister] Herr Epple, Sie haben im Jahr 2025 die Leitung des Verbindungsbüros der Universitätsallianz Ruhr in Lateinamerika übernommen. Wie sehen Ihre Pläne aus?

[Prof. Dr. Matthias Epple] Wir können in Lateinamerika viel bewegen, wir haben in der Universitätsallianz Ruhr dort viele strategische Anknüpfungspunkte. Allerdings: Lateinamerika reicht von Mexiko bis Feuerland, ist also größer als Europa und hat auch mehr Einwohner – das ist ein großes Potential, aber auch ein großes Gebiet, das wir adressieren wollen. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Marcio Weichert, unserem erfahrenen Geschäftsführer, mit dem Verbindungsbüro der Universitätsallianz Ruhr einen Anlaufpunkt für Kontakte zu den drei Universitäten Duisburg-Essen, Bochum und Dortmund zu bieten. Herr Weichert war vorher Geschäftsführer beim Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) in Sao Paulo. Er bringt daher eine sehr lange Erfahrung und zahlreiche Kontakte in Brasilien mit. Er ist also ein hervorragender Ansprechpartner für unsere externen Kooperationspartner, aber natürlich auch für alle hiesigen Personen, die sich für Lateinamerika interessieren. Er vertritt uns auch auf Messen in Lateinamerika wie ‚Postdoc in Germany‘, der ‚EUROPOSGRADOS‘ und der GAIN‘.

Frau Shire, wo sehen Sie die stärkste strategische Verbindung des Büros zu den internationalen Zielen der UDE?

[Prof. Dr. Karen Shire] Das wichtigste Ziel ist der Aufbau strategischer internationaler Kooperationen auf allen Ebenen: Von der Studierendengewinnung, d.h. der Studienbrücke in hohen Schuljahren, die dann hier vielleicht einmal Erstsemester werden, bis zum Austausch von Bachelor-, Master-, Promotionsstudierenden, sowie von Postdocs. Auch der Wissens- und Technologie-Transfer steht im Fokus, ebenso der Dozent*innen-austausch, und gemeinsame Forschungsanträge.

Gibt es ein strategisches Ziel, wo die UA Ruhr Universitäten mit ihrem Verbindungsbüro in fünf Jahren stehen möchten?

[Prof. Dr. Matthias Epple] Wir schließen die Aufbauphase gerade ab, ein wichtiger Meilenstein wäre erreicht, wenn wir für alle relevanten Länder Lateinamerikas identifiziert haben, welche Möglichkeiten sich dort bieten. Dazu erfassen wir Kontakte auf allen Ebenen und auf beiden Seiten, um erst einmal zu sehen, was es bisher schon gibt. Im nächsten Schritt müssen wir das systematisch angehen, um besonders hohe Potentiale zu identifizieren. Natürlich wollen und werden wir Kooperationen mit allen Standorten beiderseits des Atlantiks pflegen und aufbauen, aber es wird sicherlich einzelne starke Partner geben, mit denen wir engere Kooperationen auf der Ebene der UA Ruhr vereinbaren werden. Natürlich müssen wir uns da fokussieren, allein aus Kapazitätsgründen. Entscheidend ist für uns der Blick entlang der Ruhrschiene: Idealerweise sind Personen aus allen drei UA Ruhr-Universitäten in jedem Kooperationsprojekt eingebunden.

Gibt es einen Themenbereich, der für eine Kooperation strategisch besonders interessant ist? Ökologie, Regenwald, beispielsweise Klima, Umweltthemen? Spielen diese Themen auch eine so wichtige Rolle wie in Deutschland?

[Prof. Dr. Karen Shire] Eine transatlantische Zusammenarbeit in den Schwerpunktthemen der UA Ruhr Research Center – wird sicherlich einen Kernbereich unserer Forschungsaktivitäten in Lateinamerika bilden. Das umfasst Themen wie Gesundheit, Nachhaltigkeit, Cybersicherheit und die Energiewende. Im UA Ruhr College for Social Sciences and Humanities haben wir bereits Senior Fellows aus Lateinamerika in Tandemprojekten mit UA Ruhr-Wissenschaftler*innen eingebunden. Auch der hochschulpolitische Austausch über Wissenschaftsfreiheit, Diversität und Bildungsgerechtigkeit, sowie die weitere Demokratisierung des Hochschulwesens sind bereits bei unserer Eröffnungsfeier mit unseren Partnern thematisiert worden. An der UDE werden die Schwerpunktthemen Wasser- und Umweltforschung, Materialforschung, Biotechnologie und die Transformation von Gesellschaften mit Partnern aus Lateinamerika weiterentwickelt. Ein bereits gefördertes Projekt geht um die Werke von vergessenen Autorinnen in der Literaturwissenschaft. In allen diesen Plänen wird die Mobilität von Wissenschaftler*innen in früheren Karrierephasen wichtig. Auch gemeinsame Studienformate wie Double-Degree-Programme oder verpflichtende Auslandsjahre in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik sind bereits in der Planung. Unsere Transferaktivitäten entfalten sich auch international mit Partnern aus Lateinamerika.

Welche Rolle spielt unser eurozentristischer Blick im Erwartungsmanagement?

[Prof. Dr. Matthias Epple] Tatsächlich haben viele Menschen einen eurozentristischen Blick verinnerlicht, bei dem sie davon ausgehen, dass wir in Europa ein Teil der entwickelten Welt sind und lateinamerikanische Länder in der Kooperation mit uns davon überproportional profitieren. Der Brasilianische Präsident Lula hat das anlässlich des Besuchs der Hannover-Messe (Brasilien war Partnerland) gut zum Ausdruck gebracht, als er sagte, dass man Brasilien nicht nur als Rohstofflieferanten ansehen sollte. Tatsächlich läuft die Forschung auf brasilianischer Seite in Augenhöhe mit europäischen Forschungseinrichtungen ab; für die industrielle Forschung oder die Künstliche Intelligenz gilt das ebenso. Und Brasilien ist nur ein Teil von Lateinamerika! Daher möchte ich hier zum Ausdruck bringen, dass sowohl der gemeinsame Austausch als auch der daraus entstehende Ertrag in beiderseitigem Interesse liegen. Das möchte ich hervorheben, weil es nicht immer allen Personen bewusst ist.

Was ist das Interesse lateinamerikanischer Universitäten an einer Kooperation?

[Prof. Dr. Karen Shire] Das Interesse an Kooperationen mit Deutschland generell, aber auch mit der UA Ruhr ist sehr hoch. Als Universitätsallianz sind wir als Partner vielfältiger und attraktiver geworden. Bereits im ersten Jahr haben wir ein MOU mit der Universität São Paulo (USP), der besten Universität in Lateinamerika, unterzeichnet. Wir sind besonders an Kooperationen mit staatlichen Universitäten in der Region interessiert, die wie die Ruhr-Universitäten einen hohen Anteil von Studierenden aus nicht akademischen Familien immatrikulieren, und für die Bildungsgerechtigkeit und Diversität kein Gegensatz zu Exzellenz ist. Wie bereits vom Kollegen Epple unterstrichen: Unser Interesse ist eine Kooperation auf Augenhöhe.

Welche Themen sind am meisten gefragt?

[Prof. Dr. Matthias Epple] In der Forschung sind alle Bereiche berührt, Physik, Chemie, Geowissenschaften, Geisteswissenschaften, Literaturwissenschaften, Informatik, Medizin, Wirtschaftswissenschaften. Im Fokus stehen Themen wie Ausgründung und Technologietransfer, aber auch Künstliche Intelligenz, Ökologie, Umwelt, Flugzeug- und Fahrzeugbau. Das Potential ist groß, das Interesse auf beiden Seiten ebenfalls. Ich sehe hier keine Einschränkungen für unser breites Angebot der drei UA Ruhr-Universitäten. Ich bin immer wieder überrascht, welche Kooperationen es bereits gibt, von denen ich bisher nichts wusste. Dies zusammenzuführen und zu bündeln, ist ein wichtiges Ziel des Verbindungsbüros.

Was ist bei einer Kooperation zu beachten?

[Prof. Dr. Matthias Epple] Die Anerkennung von Studienabschlüssen wird im Einzelfall geprüft. Ein weiterer Aspekt ist die Sprache, in Brasilien wird Portugiesisch gesprochen, im Rest von Lateinamerika Spanisch. Englisch ist nicht so selbstverständlich wie in Deutschland. Das führt manchmal zu Verständigungsproblemen, auch an Universitäten. Die lateinamerikanische Arbeits- und Lebensweise sieht viele Dinge lockerer als wir das in Deutschland tun. Eine entspannte Haltung hilft daher, um erfolgreich zusammenzuarbeiten. Das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung sind in Lateinamerika lockerer und offener; vielleicht würde uns das in Deutschland manchmal ganz gut tun. Natürlich ist das nur ein Nebenaspekt, aber wer gutes Essen liebt, ist in Lateinamerika auf jeden Fall am richtigen Ort.

Wer profitiert am meisten?

[Prof. Dr. Matthias Epple] Idealerweise profitieren alle Statusgruppen an allen drei UA Ruhr-Universitäten vom Verbindungsbüro in São Paulo. Es geht uns nicht nur um Kontakte zu lateinamerikanischen Universitäten, sondern auch zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
Lateinamerika ist riesig, es umfasst den amerikanischen Kontinent ohne USA und Mexiko. Unsere Kontakte können in einem so großen Areal und bei unseren begrenzten Ressourcen natürlich nicht umfassend sein, aber wir werden strategisch interessante Kooperationen auf allen Ebenen anbahnen, beispielsweise auch für Studierende auf beiden Seiten des Atlantiks.

Wie ist die Arbeit des Verbindungsbüros strukturiert?

[Prof. Dr. Karen Shire] Kürzlich haben wir den Kooperationsvertrag zwischen den drei Universitäten innerhalb der Universitätsallianz Ruhr zum Betrieb des Verbindungsbüros Lateinamerika in São Paulo abgeschlossen. Dieser Vertrag sieht als Organisationsstruktur ein Directing Board mit den drei zuständigen Prorektor*innen für Internationales, unserem Geschäftsführer Herrn Weichert und Herrn Epple als Wissenschaftlichem Direktor vor. Damit entspricht das Directing Board der Funktion eines Aufsichtsrats. Herr Epple und Herr Weichert legen darauf basierend gemeinsam fest, welche Kooperationen für uns zielführend sind, wo wir die UA Ruhr-Universitäten präsentieren und wen wir dazu ansprechen. Das funktioniert sehr gut. Wir freuen uns über die uneingeschränkte Unterstützung des Verbindungsbüros durch die drei Rektor*innen.

Wie schätzen Sie die Wirkung von Mercosur auf die Arbeit des Verbindungsbüros ein?

[Prof. Dr. Karen Shire] Mercosur bietet enorm große Chancen, die Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren. Auf den ersten Blick hat das nicht mit Universitäten zu tun, aber das täuscht. Ökonomien wachsen durch Innovation und Erneuerung. Die Grundlagenforschung, die Bildung von Fachkräften und der Transfer von Erkenntnissen in die Gesellschaft – alles Kernaufgaben von Universitäten – spielen hier eine entscheidende Rolle. In Europa und in Lateinamerika wird die Nachfrage nach Experten und Fachkräften, die den anderen Kulturraum verstehen, enorm wachsen. Universitäre Bildung und Forschung tragen wesentlich dazu bei.
 

Mehr Informationen über Kooperationen, Programme und Veranstaltungen sowie Unterstützungsmöglichkeiten gibt es auf der Homepage des Verbindungsbüros.